Nicht jedes Kind kann schlafen lernen – Familienratgeber bei ADHS und Schlafstörungen.

Bis zu 70 % der Kinder und Jugendlichen mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden unter Schlafstörungen (1-3). Diese verstärken oft die Kernsymptome wie Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität. Dies kann sich nicht nur negativ auf die schulische Leistungsfähigkeit auswirken, sondern belastet häufig auch das Familienleben: Der gestörte Schlaf des Kindes/Jugendlichen raubt oft auch den Eltern die nötige Erholung, ein Teufelskreis, der den Alltag aller Beteiligten zusätzlich erschwert.

Hier setzt die neue Broschüre „Praktische Tipps bei ADHS und Schlafproblemen. Ein Ratgeber für die ganze Familie“ an.
Sie bietet Eltern fundiertes Wissen und alltagstaugliche Empfehlungen und entlastet gleichzeitig Sie als Kinder- und Jugendärzt:innen. Denn im oft engen Zeitfenster des Praxisalltags übernimmt die Broschüre Teile der Aufklärung und gibt Antworten auf die häufigsten Fragen. Kapitel 1 beschreibt typische Schlafprobleme bei ADHS, Kapitel 2 deren Auswirkungen auf Familie und Schule. Kapitel 3 zeigt Therapieoptionen auf, mit Fokus auf Schlafhygiene und einem evidenzbasierten Einsatz von Melatonin. Dabei wird ausdrücklich vor frei verkäuflichen Präparaten aus dem Drogeriemarkt gewarnt. Kapitel 4 enthält altersgerechte Alltagstipps für Eltern, Kinder und Jugendliche. Kapitel 5 ergänzt mit einfachen Atemübungen zur Stressbewältigung.

Fazit: Der Ratgeber unterstützt Sie als Kinder- und Jugendärzt:innen wirkungsvoll im Arzt-Patientengespräch, das im Praxisalltag zeitlich oft knapp bemessen ist. Er fördert das Verständnis zu diesem wichtigen Thema und stärkt die aktive Mitwirkung, für mehr Ruhe im Alltag und einen ausgeruhten Start in den Tag.

Den neuen Ratgeber können Sie hier kostenlos herunterladen:
https://www.pinealin.de/wp-content/uploads/2025/07/250717_AGB_Pharma_0050_Pinealin_Patientenbroschuere_148x210_sj_RZ_Ansicht.pdf

Stimmen aus der Praxis

Dr. med. Frank Matthias Rudolph, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie: „Schlafstörungen sind ein häufiges und belastendes Begleitsymptom bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS. Als Facharzt für Psychosomatische Medizin, der sich seit vielen Jahren für Menschen mit ADHS einsetzt, sehe ich in Melatonin als Medikament, eine wirksame, gut verträgliche Option, die in der Praxis oft noch zu wenig bekannt ist. Mit der Broschüre möchte ich Wissen kompakt und praxisnah vermitteln, für eine bessere Versorgung dieser jungen Patientengruppe.“

Prof. Ingo Fietze, Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums der Charité Berlin: In jeder zweiten Sprechstunde sehe ich Kinder zwischen 6 und 16 Jahren mit Schlafproblemen. Von diesen hat jedes dritte bis vierte zusätzlich ADHS. Man muss aber klar sagen: ADHS bedeutet nicht automatisch, dass das Kind schlecht schläft. Leider wird das Problem oft spät erkannt, meist erst, wenn Schule und Familienalltag leiden.

Aktuelles-Archiv

Die 32. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) bot erneut ein inspirierendes Forum für den interdisziplinären Austausch und aktuelle Forschungsergebnisse in der Schlafmedizin. Besonders im Fokus standen in diesem Jahr die Kinderschlafmedizin und die Bedeutung des Schlafes als Grundrecht für Kinder.

Aktuelle Studien zeigen, insbesondere bei Kindern mit psychischen Erkrankungen und Verhaltensauffälligkeiten werden Schlafprobleme zu wenig beachtet. Kinderschlafmediziner fordern ein Recht auf guten Kinderschlaf. Um diesen Weg zu ebnen, braucht es ein Umdenken in der Gesellschaft. Die mittlerweile internationale Initiative „Schlaf als Kinderrecht“ verschaffte sich am Runden Tisch mit Impulsvorträgen und entsprechenden Diskussionen Gehör. Unter der Leitung von Dr. Osman Ipsiroglu (Vancouver/CA) und Prof. Dr. med. habil. Ekkehart Paditz (Dresden) wurden aktuelle Daten vorgestellt und praxisnahe Ansätze diskutiert, um den Zugang zu gesundem Schlaf als unverzichtbaren Teil der Kinderrechte zu fördern.

Ebenso standen neue wissenschaftliche Erkenntnisse im Bereich der Kinderschlafmedizin im Mittelpunkt. Von Schlafauffälligkeiten bei Kindern mit Lippen-Kiefern-Gaumenspalten bis hin zu Schlafproblemen und Tagesschläfrigkeit bei Kindern und Jugendlichen mit Cognitive Disengagement Syndrome (CDS).  Die Beiträge zeigten eindrücklich, wie stark Schlafqualität und -dauer die Entwicklung und das Wohlbefinden von Kindern und deren Familien beeinflussen.

Zentrale Ergebnisse und Diskussionen – praxisnah aufbereitet für Ihren Alltag in der Kinderheilkunde.

Vigilanzänderung und hypermotorische Unruhe – welche Laborparameter können weiterhelfen?

Osman Ipsiroglu stellte in seinem Vortrag die Bedeutung des Schlafes als grundlegendes Kinderrecht heraus und betonte die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels in der Kindermedizin. Er argumentierte, dass Schlaf und Wachverhalten gleichwertig betrachtet werden sollten und dass Komorbiditäten wie ADHS oder hypermotorische Unruhe häufig durch zugrunde liegende physiologische Probleme, wie einen zentralen Eisenmangel, verstärkt werden.

Er betonte die Relevanz transdisziplinärer Zusammenarbeit sowie praxisnaher Screening-Tools. Dabei hob er die Wichtigkeit eines umfassenden Blutbildes inklusive Eisenstatus und Inflammationsmarkern hervor, um Schlafstörungen effektiv zu diagnostizieren. Abschließend forderte er eine stärkere Integration von Kinderschlafmedizin in medizinische Leitlinien und lud zur Zusammenarbeit in der Initiative „Schlaf als Kinderrecht“ ein. Osman Ipsiroglu dazu: „Brauchen wir einen Paradigmenwechsel? Ich persönlich glaube ja, […] unbedingt, da gibt es eine Neuorientierung und die Frage ist, wo wir in der Kindermedizin stehen und ob wir diese Diskussion pädiatrisch, psychiatrisch psychosomatisch führen oder zusammen gemeinsam als Kindermediziner im Sinne des Kindes Schlaf als Kinderrecht. Ich lade Sie herzlich sein, nach Wien zu kommen. Wir werden die nächste Frühjahrstagung gemeinsam gestalten und zusammen mit der Child Right to Sleep Initiative, die mittlerweile eine internationale ist und an verschiedenen Ebenen an Leitlinien in dieser Sache arbeitet“

Im Anschluss an den Vortrag von Dr. Osman Ipsiroglu entwickelte sich eine lebhafte Diskussion. Prof. Paditz hob die fundamentale Bedeutung der chronobiologischen Anpassung an den Tag-Nacht-Rhythmus hervor und betonte, dass diese Rhythmizität ein evolutionär verankertes, basales Bedürfnis sei. Diese Argumentation könnte laut Prof. Paditz dazu beitragen, die Bedeutung der Thematik für die medizinische und gesellschaftliche Praxis weiter zu untermauern.

Ein weiterer zentraler Punkt war der Vorschlag, Kinderrechte stärker in den Diskurs einzubringen. Hierbei wurde auf die von Janusz Korczak angestoßene Kinderrechtskonvention der UNO Bezug genommen. Dr. Ipsiroglu betonte die Notwendigkeit einer starken Gemeinschaft, um Regelwerke und Leitlinien in diesem Bereich zu entwickeln und umzusetzen. Er lud insbesondere Kindermediziner dazu ein, aktiv mitzuwirken und Schwachstellen zu identifizieren.

Barbara Schneider lenkte die Diskussion auf den praktischen Umgang mit Laboruntersuchungen, insbesondere den Eisenstoffwechsel, und sprach die Herausforderungen von Ressourcenknappheit an. Dabei stellte sie die Frage, ob Screening-Methoden primär bei niedergelassenen Ärzten oder in spezialisierten Schlaflaboren implementiert werden sollten. Dr. Ipsiroglu argumentierte, dass diese Verantwortung bei den niedergelassenen Ärzten liegen sollte, da akademische Lehranstalten nicht primär für die Beurteilung von Blutbildern zuständig seien. Er betonte die Bedeutung klarer Leitlinien und Algorithmen, die es den Praktikern erleichtern, Laborbefunde zu interpretieren. Dr. Ipsiroglu verwies zudem auf ein in Arbeit befindliches Themenheft zu „Eisen und Schlaf“, das von Frau Heidbreder initiiert wurde, und lud zur aktiven Mitarbeit ein.

Auffälligkeiten bei der nächtlichen Atmung: Wann braucht es welche Diagnostik?

Barbara Schneider aus Landshut sprach in ihrem Vortrag über die Bedeutung einer fundierten Diagnostik bei nächtlichen Atemauffälligkeiten und beleuchtete deren Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung. Sie betonte insbesondere die Bedeutung interdisziplinärer Ansätze und die Einbindung verschiedener Fachrichtungen. Schneider plädierte für ein breiteres Bewusstsein für die Bedeutung nächtlicher Atemauffälligkeiten und rief zu einem standardisierten Screening auf: Kinderärzte, HNO-Ärzte, Kieferorthopäden und Psychologen sollten eng zusammenarbeiten, um Auffälligkeiten frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Mit diagnostischen Tools wie Fragebögen, Videoanalysen oder Schlaftagebücher können Eltern unterstützt werden, um relevante Hinweise für die Diagnostik bereitzustellen. Außerdem sollten bereits bestehende Algorithmen, wie der Entscheidungsbaum für Atemauffälligkeiten, der bereits in einem Konsensuspapier festgehalten wurde, verstärkt genutzt werden. Während der sich anschließenden Diskussion wurden mehrere wichtige Punkte zum Screening hervorgehoben:

  • Frühzeitige Evaluation: Bereits bei den U-Untersuchungen sollte gezielt nach Schlafproblemen gefragt werden.
  • Aufklärung von Eltern und Fachpersonal: Lehrer, Psychologen und Kinderärzte müssen für die Bedeutung von Schlaf und Atmung sensibilisiert werden.
  • Medienunterstützung: Videos und Schaubilder könnten Eltern helfen, die nächtlichen Bewegungs- und Atemmuster ihrer Kinder besser zu erkennen und einzuordnen.

Ein weiterer zentraler Diskussionspunkt war die Notwendigkeit einer stärkeren Integration von psychologischen Fachkräften, um eine umfassendere Diagnostik sicherzustellen und Fehlinterpretationen (z. B. als ADHS) zu vermeiden.

Kinder, Jugendliche und Eltern in Krisensituationen: Schlafprobleme erkennen und den Leidensdruck mildern

Serge Brand (Basel) beleuchtete in seinem Vortrag, wie Schlafprobleme bei Kindern, Jugendlichen und Eltern den Leidensdruck innerhalb der Familie verstärken können. Er unterstrich die enge Verflechtung von familiärer Belastung, elterlichem Stress und dem Schlafverhalten der Kinder und zeigte Wege auf, wie dieser Teufelskreis durchbrochen werden kann. Konflikte zwischen Eltern oder finanzielle Unsicherheit führen oft zu Schlafproblemen bei Kindern. Diese Schlafstörungen verstärken wiederum die Belastung der Eltern und können deren psychische Gesundheit beeinträchtigen. Besonders stark korrelieren die Schlafprobleme der Mütter mit schlechter Schlafqualität und erhöhtem Stress bei ihren Kindern. Dies führt zu einer anhaltenden Belastung der gesamten Familie. Besonders Schreikinder zeigen eine erhöhte Stressachsenaktivität (z. B. Cortisolwerte), die den Schlaf weiter verschlechtern und die elterliche Belastung intensivieren. Folgende Erstmaßnahmen zur Reduktion des Leidensdrucks empfiehlt Brand:

1. Entlastung der Eltern:

  • Klare Ruhepausen für Mütter und Väter etablieren.
  • Unterstützungsnetzwerke einrichten, um alltägliche Aufgaben zu teilen.

2. Struktur für Kinder und Jugendliche:

  • Feste Rituale und klare Regeln für Schlafenszeiten schaffen.
  • Bewegung und Outdoor-Aktivitäten fördern, um Schlafqualität zu verbessern.

3. Familienbezogene Interventionen:

  • Elterncoachings zur Verbesserung der Schlafgewohnheiten der gesamten Familie.

Schlafauffälligkeiten bei Kindern mit Lippen-Kiefern-Gaumenspalten

Ann-Cathrine Neukamm, Tübingen, präsentierte Daten zu Schlafauffälligkeiten bei Kindern mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten und zeigte, dass 36 % der Kinder sowohl vor als auch nach dem Gaumenspaltenverschluss eine obstruktive Schlafapnoe (OSA) hatten, wobei Kinder mit syndromalen Grunderkrankungen ein besonders hohes Risiko aufwiesen. Niedriges Geburtsgewicht und jüngeres Gestationsalter erhöhten das Risiko präoperativ ebenfalls, wohingegen Geschlecht oder Art der Spalte keinen Einfluss hatten. Neukamm betonte die Bedeutung frühzeitiger und wiederholter Schlafdiagnostik, um diese Kinder adäquat zu betreuen, da das Risiko für OSA auch nach der Operation bestehen bleibt.

Hans Guck in die Luft hat möglicherweise keine ADHS, sondern ein CDS

Serge Brand (Basel/CH) präsentierte erste Ergebnisse zur Validierung des deutschen Child and Adolescent Behavior Inventory (CABI). Der Fokus lag auf dem Cognitive Disengagement Syndrome (CDS), einem Syndrom, das durch verlangsamtes Denken, übermäßiges Tagträumen und Tagesmüdigkeit gekennzeichnet ist. Serge Brand ist an zahlreichen Forschungsarbeiten über CDS bei Kindern und Jugendlichen beteiligt.

CDS, früher bekannt als „Sluggish Cognitive Tempo“, ist derzeit weder im ICD-10/11 noch im DSM-5 aufgenommen, zeigt jedoch deutliche Unterschiede zur ADHS inattentive Type (ADHS: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) und verdient verstärkte Aufmerksamkeit in der Kinderschlafmedizin und Psychiatrie.

Was ist CDS? CDS ist eine ausgeprägte Aufmerksamkeitsstörung mit einem charakteristischen Symptommuster:

  • Übertriebenes Tagträumen: Häufiges Starren ins Leere, Gedankenverlorenheit, „wie im Nebel sein“.
  • Gedankliche Abwesenheit: Schwierigkeiten, Gedanken in Worte zu fassen; Vergesslichkeit was gesagt werden wollte; unzusammenhängende Gedanken; gedankliche Zerstreutheit und verlangsamtes Denken.
  • Hypoaktivität: Geringe Aktivität, schnelle Ermüdung, verlangsamtes Verhalten und ausgeprägte Tagesmüdigkeit.

Brand betont: „Kinder und Jugendliche mit CDS weisen sehr viel häufiger Ängste und Depressionen auf, ziehen sich sozial zurück und entwickeln soziale Ängste, als Kinder mit ADHS inattentive Type.“ Sie nehmen sich selbst als „anders“ wahr und haben Schwierigkeiten, mit Gleichaltrigen Schritt zu halten.

Das Child and Adolescent Behavior Inventory (CABI) wurde entwickelt, um CDS von ADHS inattentive Type und anderen Störungen klar abzugrenzen. Der Fragebogen erfasst Symptome in mehreren Dimensionen, darunter: CDS, ADHS (inattentive und hyperactive Type), Depression, Tagesmüdigkeit, Schlafstörungen und somatische Beschwerden. Es gibt Versionen für Eltern sowie für Kinder und Jugendliche. In der vorgestellten Studie wurden Daten von 47 Kindern und Jugendlichen im Alter von 6 bis 18 Jahren analysiert und Verhaltensweisen der letzten zwei Monate berücksichtigt, um längerfristige Muster zu erfassen und punktuelle Schwankungen auszuschließen.

Die Studie bestätigt, es gibt eine klare Differenzierung von CDS und ADHS. CDS zeigt signifikant höhere Faktorladungen bei Symptomen wie „langsames Verhalten“, „gedanklicher Nebel“, „Tagträumen“ und „Gedanken verlieren“. Keine Unterschiede bestehen jedoch bei den Punkten „Tagesmüdigkeit“ oder „geringe Aktivität“, die bei CDS und ADHS inattentive Type ähnlich ausgeprägt sind.

Ein bemerkenswertes Ergebnis war die starke Korrelation zwischen CDS-Werten und Tagesschläfrigkeit (r=0,73). Auch Schlafprobleme (r=0,52) und ein reduziertes Bewegungsverhalten, insbesondere bei intensiver körperlicher Aktivität, zeigten einen signifikanten Zusammenhang. Dies unterstreicht die Wichtigkeit, CDS bei Kindern mit auffälligen Schlaf- und Aktivitätsmustern differenzialdiagnostisch zu berücksichtigen.

Die deutsche Version des CABI ist ein valides Instrument zur Diagnostik von CDS. Es bestehen enge Verbindungen zwischen CDS, Tagesmüdigkeit und Schlafstörungen sowie einem reduzierten Bewegungsverhalten. Serge Brand: „Das vorläufige Fazit ist, dass die deutsche Version des CABI, also das Child and Adolescent Behavior Inventory, hohe internale und externale Konsistenz aufweist. CDS lässt sich faktoranalytisch klar von ADHD inattentive Type unterscheiden.“

Die Ergebnisse bieten einen vielversprechenden Ansatz, um das Verständnis und die Diagnose von CDS zu verbessern und gezielte Behandlungsstrategien zu entwickeln.

Dauer der atemstimulierenden Therapie mit Coffeincitrat bei sehr kleinen Frühgeborenen

Martin Tietz aus Chemnitz präsentierte Ergebnisse zur Dauer der Coffeincitrat-Therapie bei sehr kleinen Frühgeborenen und betonte, dass 61 % der Kinder um die 36. Schwangerschaftswoche weiterhin Coffeincitrat benötigten. Mithilfe polysomnographischer Untersuchungen konnte die Notwendigkeit der Therapie zuverlässig unterschieden werden, wobei weitere Daten nötig sind, um den optimalen Zeitpunkt für das Absetzen der Therapie zu bestimmen.

Lichttherapie als Hoffnungsträger bei depressiven Jugendlichen?

in einem spannenden Vortrag stellte Alexander Dück (Rostock) die Endergebnisse der DeLight-Studie zur Lichttherapie bei depressiven Jugendlichen vor. Die Ergebnisse dieser Untersuchung werfen ein neues Licht auf die Behandlung von Depressionen und könnten die therapeutischen Möglichkeiten erweitern. Dabei ging Dück auch auf die Rolle von Melatonin und die zirkadiane Rhythmik ein.

Licht und Melatonin gelten als Schlüssel zur Stimmungsregulation. Depressive Episoden bei Jugendlichen sind häufig mit Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus und einer Dysregulation des Melatoninhaushalts verbunden. Melatonin, das sogenannte „Schlafhormon“, spielt eine zentrale Rolle in der Steuerung des zirkadianen Systems. Ungleichgewichte in der Ausschüttung dieses Hormons können sowohl Schlafprobleme als auch depressive Symptome verstärken.

Die Delight-Studie untersuchte gezielt, wie Lichttherapie diese Prozesse beeinflusst und die psychische Gesundheit sowie den Schlaf bei Jugendlichen verbessern kann. Die multizentrische Untersuchung umfasste 224 stationär behandelten Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren. Es wurden Bright-Light-Therapie (BLT) und Placebo-Lichttherapie über mehrere Wochen im stationären Setting miteinander verglichen. Im Ergebnis wurde die Veränderung der depressiven Symptome durch das Beck Depression Inventory (BDI) gemessen. Alle Studienteilnehmer zeigten durch die Behandlung eine deutliche Verbesserung ihrer Stimmung. Ein zusätzlicher Effekt der Lichttherapie gegenüber der regulären Behandlung konnte jedoch nicht nachgewiesen werden. Die Forscher vermuten, dass die fehlenden zusätzlichen Effekte der Lichttherapie auf zwei Faktoren zurückzuführen sein könnten: Zum einen, die besondere Form des stationären Settings mit seinen vielen Therapiebausteinen und intensiven Behandlungsangeboten. Dück kommentiert: „Es gibt [dort] Bindungen, sie haben eine feste Tagesstruktur, Psychotherapie findet statt, Medikation war explizit erlaubt. Das heißt, wahrscheinlich konnte sich der vermutete nicht ganz so starke Effekt der Lichttherapie in diesem hochintensiven Setting einfach nicht durchsetzen.“ Zum anderen impliziert die Schwere der Erkrankung aufgrund existierender Literatur bei den untersuchten Patienten geringe Melatoninspiegel, sodass die Schwankungen relativ gering ausfallen würden. Auch die natürliche Lichtexposition wurde über Motion Watches bei den Jugendlichen gemessen. Die Analysen stehen noch aus. Das Forschungsteam vermutet eine indirekte Auswirkung des Lichtes auf die Depressivität, womöglich über den Schlaf und die zirkadiane Rhythmik.

Trotz der nicht eindeutigen Ergebnisse empfehlen die Forscher, Lichttherapie auszuprobieren, da die Behandlung wenig aufwendig und nebenwirkungsarm ist. Über 90% der Studienteilnehmer würden die Behandlung weiterempfehlen und erwarteten eine Besserung durch die Lichtbrille.

Gefahr: schlechter Elternschlaf und seine Auswirkungen auf Kinderschlaf und Familiengesundheit

Angelika A. Schlarb beleuchtete in ihrem Vortrag die Auswirkungen von schlechtem Elternschlaf auf die gesamte Familie, insbesondere auf Kinder mit Schlafproblemen. Dabei betonte sie sowohl die theoretischen Grundlagen als auch praktische Interventionsmöglichkeiten, die in der medizinischen und therapeutischen Praxis angewendet werden können.

Schlafstörungen dürfen bei Kindern nicht isoliert betrachtet werden, da sie häufig mit schlechter Schlafqualität der Eltern einhergehen und weitreichende Folgen für die familiäre Dynamik und das Kindeswohl haben. Eine Studie mit 318 Familien zeigte, dass 54 % der Mütter und knapp 50 % der Väter Schlafprobleme haben. Chronische Schlafprobleme waren bei 24,6 % der Mütter und 8 % der Väter feststellbar.

Dieser gestörte Schlaf der Eltern hat weitreichende Folgen. Schlechte Schlafqualität korreliert mit erhöhten Depressions-, Ängstlichkeits- und Aggressionswerten bei Eltern, wobei Mütter häufiger betroffen sind. Eltern, die unter chronischem Schlafmangel leiden, neigen zudem zu gereiztem oder aggressivem Verhalten, was zu einer negativen Wahrnehmung des kindlichen Verhaltens führen und folglich das Kindeswohl gefährden kann. Besonders bei Eltern von Kindern mit ausgeprägten Schlafstörungen wurde ein erhöhtes Risiko für physische Gewalt, wie Schütteltraumata, diskutiert.

Schlarb hob hervor, dass diese Probleme in einem familiären, systemischen Kontext betrachtet werden müssen. Schlafprobleme bei Kindern beeinflussen die Eltern und umgekehrt, was eine Belastung für die gesamte Familie darstellt. Sie stellte zudem präventive Ansätze vor, wie die „33 Tipps für müde Eltern“, eine Sammlung praxisnaher Hilfestellungen zur Verbesserung der Schlafqualität. Schlarb informiert: „Diese 33 Tipps haben wir in diesem Jahr in der Somnologie publiziert. Ich kann Ihnen nur ans Herz legen, sich die anzuschauen. Man kann sie auch downloaden.“ Darüber hinaus zeigte das Mini-KISS-Training – ein sechswöchiges Programm für Eltern von Kindern zwischen sechs Monaten und vier Jahren – signifikante Verbesserungen bei der elterlichen Kompetenz, der Eltern-Kind-Interaktion und dem Schlafverhalten. Die Ergebnisse zeigen des Trainings zeigen eine signifikante Verbesserung der Schlafqualität der Eltern und eine erhöhte Bindung und Interaktionsqualität zwischen Eltern und Kindern. So fühlen sich Eltern besser gerüstet, zukünftige Schlafprobleme zu bewältigen.

In akuten Krisensituationen, in denen akuter Handlungsbedarf besteht (z. B. bei drohender Kindeswohlgefährdung), können auch medikamentöse Ansätze wie Schlafmittel für die Eltern in Betracht gezogen werden. Schlarb betonte jedoch, dass dies als ultima ratio zu verstehen ist und nicht den Standard darstellen sollte.

Langsam, verzögert, exponentiell – Zeitläufe der Pinealisforschung

Im Vortrag von Oleksandr Shevchenko (Altötting) wurden die faszinierenden historischen Meilensteine der Forschung an der Zirbeldrüse beleuchtet, von den ersten Beschreibungen bis zur Entdeckung des Melatonins. Der Vortrag spannte den Bogen von der Antike bis in die moderne Wissenschaft und hob den Einfluss der Pinealisforschung auf Medizin und Philosophie hervor.

Die Zirbeldrüse wurde erstmals von Claudius Galenus von Pergamon beschrieben und wegen ihrer Form „Conarium“ (Tannenzapfen) genannt. Im Mittelalter betrachtete Albertus Magnus sie als „Herz des Denkens“ und als Teil des Hirnventrikelsystems, dem damals die Verantwortung für höhere Gehirnfunktionen zugeschrieben wurde. In der Renaissance erstellte Andreas Vesalius die erste anatomische Darstellung der Zirbeldrüse, distanzierte sich jedoch von früheren Theorien über ihre Funktionen. René Descartes hingegen sah die Zirbeldrüse als Sitz der Seele und als Treffpunkt zwischen physischer und spiritueller Welt.

In der modernen Wissenschaft schufen mikroskopische Untersuchungen und die Identifikation der Drüsenstruktur durch Wissenschaftler wie Ramón y Cajal die Grundlage für die moderne Neuroanatomie. Seine Erkenntnisse trugen wesentlich dazu bei, die Zirbeldrüse nicht mehr nur als mystisches Organ, sondern als funktionales Element des Gehirns zu betrachten. Dies legte den Grundstein für spätere Forschungen, die die physiologischen und endokrinen Funktionen der Zirbeldrüse, einschließlich der Melatoninproduktion, aufdeckten. Ein bedeutender Meilenstein war die Entdeckung des Hormons Melatonin durch Professor Aaron Lerner im Jahr 1948. Melatonin spielt eine Schlüsselrolle im Schlaf-Wach-Rhythmus und in der Regulation zirkadianer Prozesse. Heute ist bekannt, dass Melatonin bei Schlafstörungen, Depressionen, Schichtarbeit und neurologischen Erkrankungen wie Epilepsie eine zentrale Rolle spielt.

Die Forschung an der Zirbeldrüse hat über die Jahrhunderte tiefgreifende Einblicke in die Neuroanatomie und Physiologie ermöglicht. Trotz großer Fortschritte bleiben viele Funktionen der Pinealis ungeklärt. Zukünftige Studien könnten ihr Potenzial bei der Behandlung von Schlaf- und neurologischen Störungen weiter erschließen.